2
Feb
2021

Lindgren-Erben gewinnen im Streit um Pippi-Langstrumpf-Lied

In einem kürzlich ergangenen Urteil des LG Hamburg (Az. 308 O 431/17) sprach das Gericht den Erben der Kinderbuchautorin Astrid Lindgren einen Auskunfts-, Unterlassungs- und Schadensersatzanspruch gegenüber dem Musikverlag und Textdichter des Liedes „Hey, Pippi Langstrumpf“ zu. Das Lied „Hey, Pippi Langstrumpf“, welches 1969 unter dem Namen „Hei, Pippi Langstrumpf“ für die deutsche Filmversion der Kultfigur geschrieben wurde, verletze das Urheberrecht an der literarischen Figur, so das Gericht.

Sachverhalt

Der beklagte Textdichter des Liedes „Hey, Pippi Langstrumpf“ erhielt im Jahre 1969 den Auftrag, für die im gleichen Jahr erschienene deutsch-schwedische Fernsehserie „Pippi Langstrumpf“ den Text des Titelliedes zu schreiben. Laut Verlagsvertrag sollte der Beklagte als alleiniger Autor des Textes gelten. Textdichterin des 1969 erschienenen schwedischen Titelliedes, welches teilweise Parallelen zu dem von dem Beklagten gedichteten Text aufweist, war Astrid Lindgren. Vor Unterzeichnung des Verlagsvertrags wandte sich der beklagte Autor daher im September 1969 an Astrid Lindgren, um ihre Zustimmung für die Verwendung des deutschen Liedtextes unter alleiniger Nennung des Beklagten als Autor einzuholen. Diese lehnte ihre Zustimmung zunächst jedoch ausdrücklich ab.

Im Oktober 1969 erfolgte bei der GEMA die Registrierung einer ersten Version des deutschsprachigen Liedes mit dem Namen „Hei, Pippi Langstrumpf‘. Als gemeinsame Textautoren waren dort u.a. der Beklagte sowie Astrid Lindgren genannt. Einige Jahre später, nämlich im November 1987, ließ der beklagte Textdichter mit dem ebenfalls beklagten Musikverlag bei der GEMA das Werk unter dem nunmehr geänderten Namen „Hey, Pippi Langstrumpf: Titellied“ registrieren. Als alleiniger Autor wurde der beklagte Textautor und als Originalverlag der beklagte Musikverlag angegeben. In den Folgejahren wurde der Text u.a. in den deutschen Fassungen diverser „Pippi Langstrumpf“-Filme im Rahmen des Titelliedes genutzt.

Im Jahre 2006 erlangte die Klägerin Kenntnis von der Eintragung des beklagten Textdichters als alleiniger Autor des Liedes „Hey, Pippi Langstrumpf“. In der Folge kam es zu einer Korrespondenz zwischen den Parteien, die schließlich in eine am 11.Dezember 2017 eingereichte Klage mündete. Nach Auffassung der Klägerin verletze der angegriffene Liedtext „Hey, Pippi Langstrumpf“ die Urheberrechte an der Figur „Pippi Langstrumpf“ sowie an dem schwedischen Liedtext. Die Klägerin ist der Meinung, der angegriffene Liedtext sei eine Übersetzung des schwedischen Liedtextes.

Über die Klage hatte kürzlich das Landgericht Hamburg zu entscheiden.

Entscheidung

In seiner Entscheidung befasst sich das Gericht im Wesentlichen mit der Frage, ob es sich bei dem Werk „Hey, Pippi Langstrumpf“ und der darin enthaltenen Bezugnahme auf die als Sprachwerk urheberrechtlich geschützte Figur der „Pippi Langstrumpf“ um eine abhängige Bearbeitung i.S.d. § 23 UrhG oder um eine freie Benutzung i.S.d. § 24 UrhG handelt. Das Gericht führt in seiner Entscheidung aus, dass in dem Liedtext „Hey, Pippi Langstrumpf“ eine abhängige und seinerzeit durch Astrid Lindgren zustimmungsbedürftige Bearbeitung i.S.d. § 23 UrhG zumindest dann zu sehen sei, „wenn mit der Bezugnahme auf die Figur auch bereits die Übernahme wesentlicher äußerlicher und charakterlicher eigenpersönlicher Merkmale“ verbunden sei und „daraus für den durchschnittlichen Betrachter folgt, dass auch tatsächlich die vorbekannte literarische Figur abgebildet bzw. beschrieben“ werden solle.

Nach Auffassung des Gerichts sei der streitgegenständliche Liedtext offensichtlich eine unmittelbare Anknüpfung an die von Astrid Lindgren geschaffene Figur der „Pippi Langstrumpf“. Dies komme dadurch zum Ausdruck, dass in dem Text und dessen Titel nicht nur der Name „Pippi Langstrumpf‘ ausdrücklich übernommen werde, sondern in dem Text darüber hinaus auch diverse charakteristische Merkmale der literarischen Figur zu finden seien. Beispielhaft nennt das Gericht die ungewöhnlichen Lebensumstände Pippi Langstrumpfs sowie ihre überdurchschnittlichen Vermögensverhältnisse, die in dem Lied durch „Ich hab’ ein Haus, ein kunterbuntes Haus, ein Äffchen und ein Pferd, die schauen dort zum Fenster raus“ zum Ausdruck kämen. Zudem sei auch die „Fantasie und der Wortwitz“ der Pippi Langstrumpf, gepaart mit „ihrer unkonventionellen, zugleich aber fröhlichen Art der Lebensführung und ihrem eigenwilligen Umgang mit vermeintlich allgemeingültigen Regeln, z.B. der Mathematik“, in dem Lied verarbeitet worden. Das Gericht bezieht sich hierbei auf die Passage des Liedes „Zwei mal drei macht vier, widewidewitt und drei macht neune, ich mach‘ mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt […]“.

Durch den Erfolg der „Pippi Langstrumpf“-Erzählungen seien die genannten Charaktereigenschaften der literarischen Figur auch weithin öffentlich bekannt gewesen. Im Ergebnis sei daher unstreitig eine unfreie Bearbeitung i.S.d. § 23 UrhG anzunehmen, welche seinerzeit der Zustimmung durch Astrid Lindgren bzw. ihrer Rechtsnachfolger bedurft hätte. Da eine derartige Zustimmung nicht vorliege, sei der Klage auf Auskunft, Unterlassung und Schadensersatz stattzugeben.

Fazit

Die Entscheidung ist noch nicht rechtskräftig. Die Beklagtenvertreter haben Presseberichten zufolge angekündigt, in Berufung zu gehen. Das erstinstanzliche Urteil des Landgerichts verdeutlicht, dass nach ständiger Rechtsprechung bei literarischen Werken nicht nur die konkrete Textfassung urheberrechtlich geschützt ist, sondern auch eigenpersönlich geprägte Bestandteile, d.h. einzelne Charaktere des Sprachwerks, Schutz genießen können. Letzteres ist immer dann der Fall, wenn diese sich durch eine unverwechselbare Kombination äußerer Merkmale, Charaktereigenschaften, Fähigkeiten und typischen Verhaltensweisen auszeichnen und somit zu besonders ausgeprägten Persönlichkeiten geformt sind. Für den isolierten Schutz gilt jedoch ein strenger Maßstab, den Astrid Lindgren mit ihren fantasievollen Erzählungen über Pippi Langstrumpf jedenfalls nach Auffassung des Landgerichts Hamburg erfüllt hat. Das letzte Wort dürfte insoweit aber noch nicht gesprochen sein.