12
Feb
2019

Deutschland: Digitalland oder digitales Nirvana?

Interview: Wie es nach einem Jahr Koalitionsvertrag um die Digitalisierungspläne der Bundesregierung steht

Am 7. Februar 2019  feierte der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD seinen einjährigen Geburtstag [siehe auch unseren Blog vom 10.02.2018]. Ein angekündigtes Fokusthema: Die Digitalisierung. Bereits im November 2018 hat die Bundesregierung ihre Umsetzungsstrategie zur Gestaltung des digitalen Wandels in Deutschland vorgestellt. Darin sind ihre Ziele und die erforderlichen Umsetzungsschritte zur weiteren Digitalisierung Deutschlands genauer definiert.

Ich habe dies zum Anlass genommen, um mit unserem Partner Dr. Tobias Faber (Infrastructure, Energy, Resources und Projects) und Mit-Herausgeber des Praxishandbuches „Industrie 4.0 und Internet of Things“ über aktuelle und zukünftige Entwicklungen im Bereich der Digitalisierung zu sprechen.

[Johannes Groß:] Tobias, um innovative IoT-Geschäftsmodelle entwickeln und etablieren zu können, ist eine schnelle und stabile Netzverbindung notwendig. Setzt die Bundesregierung ihre Schwerpunkte beim Infrastrukturausbau richtig?

[Dr. Tobias Faber:] Ein zentrales Element des Koalitionsvertrages ist die sogenannte 5G*Strategie und damit der Ausbau eines flächendenkenden 5G-Funknetzes. Die Bundesregierung hat hierzu einen Prozess aufgesetzt, um im ersten Quartal dieses Jahres die entsprechenden 5G-Funknetzlizensen zu versteigern. Ein erster Schritt, aber eben auch nicht mehr – denn ein jahrelanger Netzausbau steht noch bevor, während Länder wie Katar bereits „live“ sind.

[Johannes Groß:] Auf was sollte die Bundesregierung bei der Frequenzvergabe achten?

[Dr. Tobias Faber:] Im Rahmen der Frequenzenvergabe sollte die Bundesregierung dafür sorgen, dass die Netzbetreiber den 5G-Netzausbau nicht nur in den großen Ballungsgebieten, sondern auch in der Fläche Deutschlands vorantreiben. Da hier häufig die Wirtschaftlichkeit fehlt, müssen besondere finanzielle Anreize geschaffen werden. Aber nur dann kann auch der deutsche Mittelstand vom schnellen Netz profitieren und zahlreiche IoT-basierte Geschäftsmodelle funktionieren nur bei einer vollständigen Netzabdeckung. Bereits im Mobilfunksegment hängt Deutschland da hinter vielen Ländern hinterher. Spannend bleibt auch, ob eine Beteiligung internationaler Hersteller beim Ausbau und den technischen Herausforderungen des 5G-Netzes letztlich zu weiteren Schwierigkeiten führt. Die Bundesregierung hat anscheinend erhebliche IT-Sicherheitsbedenken.

Im Rahmen der 5*5G Strategie sollen in 5 Regionen besondere 5G Angebote erprobt und erforscht werden. Wir erwarten, dass die Konzeption in den kommenden Monaten abgeschlossen wird und die entsprechenden Förderbedingungen veröffentlicht werden.

[Johannes Groß:] Sollte man also nun alle Ressourcen für den Ausbau von 5G einsetzen?

[Dr. Tobias Faber:] Klares Nein! Bei all dem sollte der flächendeckende Ausbau des Glasfasernetzes nicht aus den Augen verloren werden. Die umfassende Verfügbarkeit von gigabitfähiger Infrastruktur bis 2025 ist für die Bundesregierung aber vor allem für die Wirtschaft ein wesentlicher Eckpfeiler für den zukünftigen Erfolg im internationalen Wettbewerb. Daher sehen wir auf dem Markt ein stetig steigendes Interesse an Glasfasernetzen als neues und interessantes Infrastrukturasset. Ein schnelles Netz ist aber nur dann wirklich effektiv, wenn auch der „letzte Meter“ diese Geschwindigkeiten leisten kann. Im Moment sind aber gerade diese Netzverbindungen zwischen Kabelverzweiger und privatem Internetanschuss die größten Geschwindigkeitsblocker. Um diesem zentralen Problem abzuhelfen, hat die Bundesregierung unserer Einschätzung nach leider noch keine überzeugenden Ideen vorgelegt.

[Johannes Groß:] Welche Fortschritte siehst du in Deiner täglichen Praxis im Energiebereich als Experte für den Kraftwerksbau bei der Digitalisierung der Energiewende?

[Dr. Tobias Faber:] Laut eines Berichts zum aktuellen Stand der Digitalisierung der Energiewende hat Deutschland auf einer Skala von 1 bis 100 lediglich einen Digitalisierungsgrad von 22 erreicht. Zwar wurde bereits 2016 mit dem „Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende“ das gesetzliche Fundament für die Digitalisierung der Energiewende geschaffen. Bei der Umsetzung gibt es jedoch noch einige Schwierigkeiten.

Ein Beispiel dafür ist der Rollout intelligenter Messsysteme – sogenannter Smart Meter – der sich immer weiter verzögert [mehr dazu hier]. Problematisch sind unter anderem die fehlende Zertifizierung der Smart-Meter-Gateways und damit die Verfügbarkeit zugelassener Geräte. Doch es gibt auch erste Fortschritte zu verzeichnen: Ende 2018 wurde der erste Smart-Meter-Gateway (SMGW) vom Bundesamt für Sicherheit und Informationstechnik (BSI) zertifiziert. Dies ist eine wichtige Etappe hin zum Smart Grid (intelligentes Stromnetz) als bedeutendem Eckpfeiler für die Digitalisierung der Energiewende. Acht weitere Geräte durchlaufen gerade den Zertifizierungsprozess, aber von einem Smart Grid sind wir noch weit entfernt. Vielleicht sollte die Bundesregierung bei den gesetzlichen Anforderungen zur Zertifizierung nachjustieren und so den Weg für einen schnelleren Smart Meter Rollout ebnen. Erstaunlicherweise haben sich zahlreiche andere europäische Staaten deutlich ambitioniertere (zeitliche) Ziele gesetzt, als wir in Deutschland.

[Johannes Groß:] Das Land Hessen plant in Frankfurt einen Hub für Künstliche Intelligenz (KI) zu errichten. Wie siehst Du Deutschland insgesamt im Bereich der künstlichen Intelligenz aufgestellt und was könnte die Bundesregierung hier mehr tun?

[Dr. Tobias Faber:] Ich sehe das positiv, auch wenn es sicherlich eines deutschlandweiten, koordinierten Ansatzes bedarf. Wir sehen auf dem Markt ein zunehmendes Interesse an KI-Technologien. Immer mehr solcher Anwendungen finden ihren Weg in die Wirtschaft. So basieren neuere Konzepte der Industrie 4.0, wie beispielsweise Condition Monitoring oder Predictive Maintenance, auf KI-Technologie. Aber auch Legal Tech wird in der anwaltlichen Praxis immer wichtiger und kann viele Prozesse vollkommen neu ausgestalten.

Es überrascht also nicht, wenn die Bundesregierung in der Entwicklung und Anwendung Künstlicher Intelligenz ein sehr großes Potenzial für Deutschland sieht. Mit ihrer im November 2018 beschlossenen KI-Strategie will die Bundesregierung deshalb die Erforschung, Entwicklung und Anwendung von künstlicher Intelligenz auf ein international führendes Niveau bringen und Deutschland als hierfür maßgebenden Standort etablieren. Bereits im Juli 2018 wurden zu diesem Zweck die Eckpunkte festgelegt und anschließend mehr als 100 Stellungnahmen und Expertenmeinungen aus unter anderem Wirtschaft und Wissenschaft eingeholt. Künstliche Intelligenz wird folglich als eine der Schlüsseltechnologien der Zukunft eingestuft, in deren Erforschung und Anwendung bis 2025 insgesamt drei Milliarden Euro investiert werden sollen. „Artificial Intelligence made in Germany“ soll neue Wertschöpfungspotenziale für Deutschland eröffnen und eine international anerkannte Zukunftskompetenz des Landes werden. Dies kann aber nur gelingen, wenn die Bundesregierung die richtigen rechtlichen Rahmenbedingungen schafft. Jedes weitere Engagement, wie hier des Landes Hessen, ist (wenn es in die Gesamtstrategie passt) zu begrüßen. Im föderalen System braucht es immer Länder, die auch vorangehen wollen und können.

[Johannes Groß:] Lieber Tobias, vielen Dank für Deine Antworten.