6
Feb
2018
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Durchbruch in der Metall-Tarifrunde 2018

In der Nacht auf den 6. Februar 2018 wurden die Tarifverhandlungen zwischen IG-Metall und dem Arbeitgeberverband Südwestmetall in Baden-Württemberg zum Abschluss gebracht. Vorangegangen waren insgesamt sechs Verhandlungsrunden sowie ein erstmals bundesweiter 24-stündiger Warnstreik in der Metallbranche. Die Tarifparteien einigten sich auf den nun vorliegenden Tarifvertrag, der etwa 900.000 im Bezirk beschäftigte Arbeitnehmer der Metall- und Elektroindustrie betrifft.

Neben einer Lohnsteigerung in Höhe von 4,3% ab April 2018 sowie einer Einmalzahlung in Höhe von 100 EUR für Januar bis März 2018 vereinbarten die Tarifparteien insbesondere weitreichende arbeitszeitrechtliche Neuerungen.

Die Tarifbeschäftigten erhalten erstmals Anspruch auf eine sogenannte verkürzte Vollzeit.

Vollzeitbeschäftigte Arbeitnehmer mit mindestens zweijähriger Betriebszugehörigkeit haben ab 2019 einen Anspruch auf eine Reduzierung ihrer Arbeitszeit auf bis zu 28 Stunden für mindestens sechs und höchstens 24 Monate. Nach Ablauf dieser Zeit kann erneut eine Reduzierung verlangt werden. Ähnlich wie die bisherige Möglichkeit, eine Aufstockung der regelmäßigen tariflichen Arbeitszeit zu vereinbaren, ist auch der Anspruch auf verkürzte Vollzeit mit bestimmten Quotenregelungen versehen. Arbeiten bereits 10% der Beschäftigten in dem Betrieb in verkürzter Vollzeit oder 18% insgesamt in (befristeter oder unbefristeter) Teilzeit kann der Arbeitgeber weitere Anträge auf verkürzte Vollzeit ablehnen. Zudem kann der Anspruch ähnlich dem gesetzlichen Anspruch auf unbefristete Teilzeit auch aus anderen betrieblichen Gründen abgelehnt werden.

Als Ausgleich für die verkürzte Vollzeit werden den Arbeitgebern weiterreichende Möglichkeiten eingeräumt, Arbeitsverträge mit bis zu 40 Stunden wöchentlicher Arbeitszeit abzuschließen. Dazu werden zum einen die Voraussetzungen heruntergeschraubt, die zur Anwendung der bereits jetzt existierenden Quoten von 18%, 30% oder 50% führen und es dem Arbeitgeber erlauben, diesen Anteil der Belegschaft mit bis zu 40 Wochenstunden zu beschäftigen. Zum anderen kann der Arbeitgeber sich alternativ zu dieser Quote für eine “Volumenbetrachtung” entscheiden, bei der die durchschnittliche Arbeitszeit im Betrieb (39,5 Wochenstunden x Anzahl der Beschäftigten) die Referenz bildet. Die Beschäftigung von Teilzeitkräften kann dann - unter gewissen Einschränkungen – durch den Abschluss von 40-Stunden-Verträgen ausgeglichen werden.

Um für Beschäftigte mit besonderen Belastungen einen Ausgleich zu schaffen, einigte man sich zudem auf eine Option auf tarifliche Freistellungstage. Bestimmte Arbeitnehmergruppen können ab 2019 wählen, ob sie statt des jährlich im Juli ausgezahlten tariflichen Zusatzgelds (T-ZUG) in Höhe von 27,5% eines Monatsentgelts insgesamt acht freie Tage haben möchten. Dies betrifft zum einen Arbeitnehmer mit Kindern bis zum achten Lebensjahr sowie Beschäftigte, die pflegebedürftige Angehörige haben. Pro Kind oder pflegebedürftigem Angehörigen kann für bis zu zwei Jahre die Freistellung gewählt werden. Zum anderen kommt diese Option ab einer Betriebszugehörigkeit von fünf Jahren auch Arbeitnehmern zugute, die in Schichtsystemen arbeiten. Durch Betriebsvereinbarung können diese Regelungen erweitert werden.

Der fortschreitenden Flexibilisierung von Arbeitsleistungen trägt insbesondere die Verständigung der Tarifparteien auf einen Tarifvertrag zum mobilen Arbeiten Rechnung. Dieser soll einen einheitlichen Rahmen für Betriebsvereinbarungen für die Arbeit von zuhause oder unterwegs definieren und so die Position der betroffenen Arbeitnehmer stärken. Ob dieser Tarifabschluss im Hinblick auf mobiles Arbeiten als Modell für künftige gesetzliche Regelungen dient, dürfte sich in Kürze herausstellen, da ähnliche Arbeitszeitthemen derzeit Gegenstand der noch laufenden Koalitionsverhandlungen sind. In jedem Fall stellt der Tarifabschluss aber eine Zäsur für die Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie dar. Die Themen rund um die flexible Arbeitszeit erhalten in der betrieblichen Praxis künftig ein ganz neues Gewicht.

Baden-Württemberg fungiert in der Regel als Pilot-Bezirk im Hinblick auf die Tarifabschlüsse der Metall- und Elektroindustrie. Es ist daher zu erwarten, dass die anderen sechs Tarifbezirke den nunmehr vereinbarten Tarifabschluss übernehmen werden. Die ausgehandelten Bedingungen haben somit für alle der deutschlandweit etwa 3,9 Millionen Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie Bedeutung.