8
Jan
2018
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Interpol: Erneuter Schlag gegen den illegalen Onlinehandel mit Arzneimitteln

Immer häufiger und spezialisierter gehen Strafverfolgungsbehörden auch in Deutschland gegen den illegalen Handel mit Arzneimitteln und Medizinprodukten vor. Die Hintergründe für die zunehmenden Aktivitäten von Zoll, Polizei und Staatsanwaltschaften liegen auf der Hand:

Längst hat sich das Geschäft rund um den rechtswidrigen Vertrieb von Pharmaprodukten zu einem traurigen und höchst profitablen Wachstumsmarkt entwickelt. Nicht umsonst werden in Ermittlerkreisen Arzneimittelfälschungen gerne auch als „das neue Kokain“ bezeichnet. Dass dieser Vergleich nicht allzu weit hergeholt ist, wird schnell deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass nachgemachte Präparate oft wesentlich günstiger von Tätern eingekauft und hergestellt werden können als konventionelle Drogen, sich gleichzeitig aber auch mit Arzneimittelfälschungen ein höherer Verkaufspreis erzielen lässt. Die tatsächlichen Ausmaße des illegalen Handels erahnen ließen erst jüngst wieder die Ergebnisse der von Straf- und Zollbehörden durchgeführten „Operation Pangea X“.

Operation Pangea X

Operation Pangea ist eine von Interpol koordinierte Aktion gegen den illegalen Vertrieb von Arzneimitteln über das Internet, die im September 2017 zum zehnten Mal durchgeführt wurde. Beteiligt waren in diesem Jahr Strafverfolgungsbehörden aus 123 Ländern; neben nationalen Behörden, Interpol und Europol waren auch die Weltzollorganisation (WZO), eine Reihe von Pharmaunternehmen sowie internationale Zahlungs- und Zustellungsdienstleister die Operation mit einbezogen.

Das Ergebnis der konzertierten Aktion ist gleichsam beeindruckend wie alarmierend: Insgesamt konnte die Rekordzahl von 25 Millionen illegalen und gefälschten Arzneimitteln im Wert von mehr als 50 Millionen US-Dollar beschlagnahmen werden. 400 Täter wurden weltweit im Zusammenhang mit der Aktion verhaftet.

Strukturen des illegalen Online-Handels

Die illegalen Online-Pharmahändler sind heute größtenteils übernational vernetzt und hoch-professional organisiert. Regelmäßig unterhalten die Hintermänner ausgedehnte Vertriebsnetzwerke, deren Strukturen dem Grunde nach weitgehend einem legalen Franchise-System ähneln: So werden Vertriebspartnern nicht nur Muster und Vorlagen überlassen, mit denen eine eigene Website zum Handel mit illegalen Produkten aufgebaut werden kann; vielmehr organisieren die Betreiber illegaler Online-Apothekennetzwerke meist auch den Bezug der nachgeahmten Präparate und die Abwicklung von Zahlungen für den Vertriebspartner. Bestellt ein Kunde dann auf einer Website des illegalen Netzwerks, wird die Order meist unmittelbar an den jeweiligen Produzenten weitergeleitet. Die Produzenten, die ihr Geschäft häufig von Staaten wie Indien, China, Thailand oder Russland aus betreiben, versenden die gewünschten Arzneimittel daraufhin direkt in Paketen, Päckchen oder Briefen an Kunden überall auf der Welt.

Deutschland ist in Europa einer der zentralen Absatzmärkte für illegale Arzneimittel. Auch diesen Umstand bestätigte Operation Pangea X erneut. So konnten die Zollbehörden allein  in der Aktionswoche vom 12. bis 19. September 2017 an den Flughäfen Frankfurt, Leipzig und Niederaula insgesamt knapp 70.000 potenziell gefährliche Arzneimittel abgefangen. Darüber hinaus ermittelten die deutschen Behörden im vergangenen Jahr gegen 145 Betreiber von Internetseiten, die nicht zugelassene Arzneimittel gewerbsmäßig angeboten haben sollen.

Entwicklungsprognosen für den illegalen Arzneimittelhandel in Deutschland

In jüngerer Zeit hatte sich etwa der ausführliche Analysebericht des Bundeskriminalamts „Arzneimittelkriminalität: Ein Wachstumsmarkt“ (Stand 17. Oktober 2016) mit dem verstärkten Aufkommen und den Risiken von arzneimittelbezogener Kriminalität befasst. Das Bundeskriminalamt geht darin für die kommenden Jahre von einem weiteren Anstieg der Nachfrage nach Pharmazeutika sowie einem korrelierenden Anstieg der Verbreitung gefälschter Arzneimittel aus. Es prognostiziert darüber hinaus auch eine Zunahme des Einflusses von organisierten Kriminalitätsstrukturen auf den Arzneimittelhandel innerhalb der nächsten vier Jahre. Dabei ist die Abgabe von gefälschten Präparaten nicht auf die illegale Lieferkette – also die direkte Lieferung gefälschter Produkte von einem Hersteller an den Konsumenten – beschränkt. Vielmehr kann auch im Rahmen der legalen Lieferkette eine Abgabe gefälschter Arzneimittel erfolgen, wenn Großhändler, Ärzte oder Apotheker als Einbruchstelle für gefälschte Präparate fungieren. Die Häufung von Straftaten in beiden Szenarien sieht das Bundeskriminalamt in einer Ausbreitung des Onlinehandels mit Arzneimitteln sowie einem immer noch zu geringen Verfolgungsdruck seitens der Strafverfolgungsbehörden begründet.

Illegalen Handel mit Pharma- und Medizinprodukten effektiv bekämpfen

Der illegale Handel mit Arzneimitteln und Medizinprodukten ist ein Problem, mit dem sich alle Beteiligten im Gesundheitsbereich konfrontiert sehen. Schwarz- und Graumarktgeschäfte verursachen jährlich allein in Deutschland einen wirtschaftlichen Schaden in Milliardenhöhe und schädigen nachhaltig das Vertrauen der Patienten in Industrie und Gesundheitssystem.

Die Erscheinungsformen illegaler Geschäftsmodelle sind dabei vielfältig. Angefangen vom Apotheker, der systematisch Arzneimittel panscht über den Großhändler, der gezielt vertriebsbeschränkte Klinikprodukte aufkauft, bis hin zu den organisierten Banden, die ganze Netzwerke unseriöser Online-”Apotheken” betreiben – wie sie schwerpunktmäßig im Fokus der Operation Pangea X waren.

Um das Problem Schwarzer und Grauer Märkte im Life-Sciences-Sektor anzugehen, haben wir die Aktion „Illegalen Handel mit Pharma- und Medizinprodukten effektiv bekämpfen“ ins Leben gerufen. Hierzu bieten wir Interessierten zunächst zwei Veranstaltungen (am 23. Januar 2018 in München, und am 31. Januar 2018 in Frankfurt am Main) an, die als Plattform dienen sollen, um sich über die Möglichkeiten einer effizienten Kriminalitätsbekämpfung auszutauschen. Zu diesem Zweck wird unter anderem Herr Kriminalhauptkommissar Christian Müller vom Polizeipräsidium Freiburg aus seiner langjährigen Erfahrung im Bereich „illegale Arzneimittelkarusselle“ berichten. Weitere Informationen zu den Veranstaltungen sowie die Möglichkeit sich – selbstverständlich kostenlos – anzumelden, finden Sie hier.