8
Mai
2017
Immobilien

Kauf bricht nicht Miete – oder doch? Das Ankaufsrecht als Ausnahme zur Regel

BGH, Urteil vom 12. Oktober 2016 – XII ZR 9/15

Das Problem:

Nach § 566 BGB, der die amtliche Überschrift “Kauf bricht nicht Miete” trägt, tritt bei einem Verkauf eines Grundstücks der Erwerber grundsätzlich anstelle des ursprünglichen Vermieters (Verkäufer des Grundstücks) in alle Rechte und Pflichten des bestehenden Mietvertrages ein. Der BGH hat nun jedoch entschieden, dass der Erwerber nur in solche Verpflichtungen aus dem Mietvertrag eintritt, die für die Fortführung des Mietverhältnisses erforderlich sind. Ein zwischen Mieter und ursprünglichen Vermieter vereinbartes Ankaufsrecht gehört nach der Entscheidung des BGH nicht dazu. Der Erwerber ist daher an ein im Mietvertrag vereinbartes Ankaufsrecht nicht gebunden. Der Mieter “verliert” bei einer Veräußerung eines Grundstückes seine Ansprüche aus einem im Mietvertrag vereinbarten Ankaufsrecht, wenn der Erwerber die entsprechenden Verpflichtungen nicht übernimmt oder die Ansprüche aus dem Ankaufsrecht nicht durch eine Auflassungsvormerkung im Grundbuch zugunsten des Mieters abgesichert sind.

Der Fall:

Mieter und Vermieter schlossen einen Gewerberaummietvertrag ab. In dem Vertrag wurde zugunsten des Mieters ein Ankaufsrecht bezüglich der Mietfläche des Mieters vereinbart. Der Mietvertrag wurde notariell beurkundet. Auf die Bestellung einer Auflassungsvormerkung zur Sicherung des Ankaufsrechts wurde verzichtet. Der Vermieter war jedoch verpflichtet, das Ankaufsrecht bei Veräußerung des Objektes auf den jeweiligen Rechtsnachfolger zu übertragen.

In der Folgezeit wurde das Objekt zwei Mal verkauft. Beim zweiten Verkauf wurde offenbar vergessen, die Verpflichtung aus dem Ankaufsrecht auf den Erwerber zu übertragen.

Zwischen dem neuen Vermieter und dem Mieter entfachte nun ein Streit darüber, ob der neue Vermieter an das zwischen dem ursprünglichen Vermieter und dem Mieter vereinbarte Ankaufsrecht gebunden sei. Der Mieter berief sich auf § 566 BGB. Der BGH teilte die Auffassung des Mieters jedoch nicht.

Begründung:

Trotz des Wortlauts des § 566 BGB, der eine weite Auslegung annehmen lässt, ist die Vorschrift nach Auffassung des BGH als Ausnahmeregelung restriktiv auszulegen. Von § 566 BGB sollen nur solche Rechte und Pflichten erfasst werden, die als mietrechtlich zu qualifizieren sind oder die in untrennbarem Zusammenhang mit dem Mietvertrag stehen. § 566 BGB soll nur den Besitz  bzw. die Möglichkeit des Gebrauchs der Mietsache durch den Mieter sowie hiermit im Zusammenhang stehende Vereinbarungen schützen. Mit der Norm soll kein über diesen Schutz hinausgehender Vermögensschutz gewährt werden. Der Erwerber trete deshalb nicht in Rechte und Pflichten ein, die nicht dem gesetzlichen Leitbild des Mietrechts entsprechen; selbst und insbesondere auch dann nicht, wenn diese Verpflichtungen im Mietvertrag ausdrücklich vereinbart wurden. Anderenfalls könnten die ursprünglichen Mietvertragsparteien zulasten des Erwerbers Verpflichtungen begründen, die durch den Mieterschutz nicht mehr gerechtfertigt wären. Den Parteien steht es zwar frei, im Mietvertrag auch mietvertragsfremde Vereinbarungen zu treffen. Solche mietvertragsfremden Vereinbarungen gelten jedoch nur im Innenverhältnis der vertragsschließenden Parteien und gehen nicht automatisiert nach § 566 BGB auf den Erwerber über.

Weitere Ausnahmen zu § 566 BGB:

Neben dem jetzt ergangenen Urteil zum Ankaufsrecht hat der BGH in der Vergangenheit bereits entschieden, dass folgende Vereinbarungen nicht unter § 566 BGB fallen:

  • Einräumung eines dinglichen Dauerwohnrechts (BGH, NJW 1976, 2264);
  • Rückgabe der vom Mieter geleisteten Sicherheit (BGH, NJW 1999, 1957);
  • Belegungsrecht, das in einem Mietvertrag zugunsten des Arbeitgebers des Mieters begründet worden ist (BGH, NJW 1967, 2258);
  • Unentgeltliche Überlassung des Mietgegenstandes nach Eigenkapitalersatzregeln (BGH, NJW 2006, 1800).

 

Konsequenzen für die Praxis:

Wie dieser Fall nur zu gut zeigt, können sich die ursprünglichen Mietvertragsparteien nicht darauf verlassen, dass sämtliche der zwischen ihnen getroffenen Regelungen für immer Bestand haben. Durch § 566 BGB kommt es zu einem gesetzlichen Parteiwechsel, den der Mieter nicht verhindern kann. Der Mieter erhält nicht nur einen neuen Vertragspartner, den er sich nicht aussuchen konnte, sondern wird unter Umständen – wie im vorliegenden Fall – darüber hinaus um ursprünglich vereinbarte Rechte beschnitten.

Zwar bleiben – auch im Falle der Veräußerung einer Liegenschaft – die im Mietvertrag getroffenen Regelungen zwischen den ursprünglichen Parteien bestehen, sofern sie nicht nach § 566 BGB auf den neuen Vermieter übergehen. Der Mieter in unserem Fall könnte daher den Abschluss des Kaufvertrages auch noch nach Veräußerung des Grundstücks und Übergang der mietvertraglichen Regelungen auf den Erwerber von seinem ursprünglichen Vermieter fordern. Da der ursprüngliche Vermieter jedoch nicht mehr Eigentümer des Objektes ist, wird dieser seine Verpflichtung nicht mehr erfüllen können. Der Mieter kann seinen Erfüllungsanspruch nicht durchsetzen und wird auf Schadensersatzansprüche verwiesen.

Auch die im Mietvertrag vereinbarte Rechtsnachfolgeklausel, die die Parteien verpflichtet, sämtliche Regelungen aus dem Mietvertrag auf einen Rechtsnachfolger zu übertragen, konnte den Mieter nicht von seinem Rechtsverlust schützen. Im zweiten Kaufvertrag wurde die Rechtsnachfolgeklausel bzw. die Weitergabe der Verpflichtungen an den Erwerber schlicht vergessen.

Im vorliegenden Fall hätten die ursprünglichen Parteien zur Vermeidung des dargestellten Problems das Ankaufsrecht nach Mietvertragsabschluss durch Eintragung einer Auflassungsvormerkung im Grundbuch sichern müssen. Diese dingliche Sicherung wirkt unabhängig von § 566 BGB gegenüber jedem (zukünftigen) Eigentümer des Objektes.

Für die Praxis ist daher bei Abschluss von Mietverträgen stets darauf zu achten, welche nicht zum Mietrecht gehörenden Vereinbarungen auch gegenüber einem zukünftigen Erwerber des Grundstücks gelten sollen. Abhängig von dem Gewollten ist sodann zu prüfen, wie diese Regelung für die Zukunft eventuell dinglich gesichert werden kann. Neben dem vom BGH entschiedenen Fall des Ankaufsrechts, welches durch eine Auflassungsvormerkung sicherbar ist, können beispielsweise Nutzungsrechte zugunsten des Mieters (für den Fall einer nicht vom Mieter zu vertretenen Kündigung des Mietvertrages) durch eine Mieterdienstbarkeit dinglich gesichert werden. Begehrt der Mieter sicherzustellen, dass ein ihm nicht genehmer Vermieter nach § 566 BGB in den Mietvertrag eintritt, könnte bei entsprechender Liquidität des Mieters an die Vereinbarung eines dinglichen Vorkaufsrecht gedacht werden. Ist das potentielle Problem erst einmal erkannt, lässt sich in der Praxis hierfür sicherlich eine Lösung finden. Wichtig ist jedoch zunächst, dass das Problem überhaupt gesehen wird.