7
Sep
2015

Big Data, Digitale Transformation und Mitbestimmung des Betriebsrats

Big Data, Cloud und der Siegeszug der mobile devices machen es möglich: Riesige Mengen unstrukturierter Daten werden in Echtzeit verarbeitet und jeder kann mit jedem, zu jeder Zeit, an jedem Ort kommunizieren. Dies verändert die Service- und Produktlandschaft in den Unternehmen – Stichwort „Digitale Transformation“.

Manche Industrien wie der Onlinehandel sind Vorreiter bei der Nutzung von Big Data und bei der digitalen Transformation von Vertrieb und Kundenservice. Aber auch in anderen Branchen werden die Erwartungshaltung der Kunden und die Sicherung von Geschäftschancen zur Änderung der Geschäftsmodelle führen und grundlegende Änderungen beim Mitarbeitereinsatz, insbesondere im Vertrieb und im Service, bedingen.

Unternehmen müssen die notwendigen Änderungen beim Einsatz von Mitarbeitern in Vertrieb und Service bei Nutzung von Big Data und in digitalisierten Geschäftsmodellen aktiv gestalten und die Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats in Betrieben aktiv managen, um die digitale Transformation erfolgreich zu bewältigen.

Personalisierte Echtzeit-Kommunikation mit Kunden
Zur personalisierten Echtzeit-Kommunikation wird u.a. gehören, dass Vertriebsmitarbeiter mit (potenziellen) Kunden skypen und Produktunterlagen im Wege des IT-basierten Dokumentensharing gemeinsam ansehen. Kunden werden Vertriebs- oder Servicegespräche auch außerhalb üblicher Bürozeiten und dann führen wollen, wenn die Kunden (Frei)zeit haben, also vor allem auch in Abendstunden und an Wochenenden. Unternehmen und Mitarbeiter müssen auf diese Kundenwünsche mit großer örtlicher Mobilität und zeitlicher Flexibilität antworten. Hierfür braucht es moderne Arbeitszeitsysteme.

Mobile working und Führen auf Distanz – IT-basierte Arbeitsallokation und Arbeitssteuerung
Geschäftsmodelle auf der Basis von Big Data, die Digitalisierung von Vertriebs- und Servicekonzepten wie vorstehend beschrieben und die nicht aufzuhaltende Globalisierung werden zu einer starken Ausweitung von mobile working und agile working führen. Dazu gehört die Arbeit von zu Hause und von überall unterwegs, unter Nutzung moderner IT-Anwendungen, des Internets und smarter Kommunikationstools.

Dies wird Führungskonzepte bedingen, die eine IT-basierte Arbeitssteuerung und Ergebniskontrolle vorsehen. In Echtzeit verfügbare Leistungs- und Auslastungsdaten und geschäftliche Kennziffern, leistungsstarke und komfortable Managementinformationssysteme (MWFM = Mobile Workforce Managementsysteme) und global einsetzbare Kommunikationstools wie z.B. MicrosoftLync® und elektronische Feedbacksysteme schaffen die Rahmenbedingungen.

Talent management und talent development
Rahmenbedingung für eine erfolgreiche Nutzung von Big Data und eine erfolgreiche digitale Transformation wird auch sein, dass die Belegschaft ihre Fähigkeiten und ihr Wissen konstant weiter entwickelt, auf das im Unternehmen insgesamt vorhandene Wissen zugreift und es durch Austausch und Diskussion fruchtbar macht. Für dieses Ziel werden verstärkt E-Learning-Tools benutzt werden, aber auch die Bildung von Teams aus älteren Mitarbeitern und digital natives sowie Chats in Unternehmensforen und externen Expertenforen.

Wegfall von Tätigkeiten durch „Internet der Dienste“ und „Internet der Dinge“
Die digitale Transformation von Unternehmen wird wohl auch zu einer Reduzierung von Mitarbeiterkapazitäten vor allem im Service führen, da durch den Einsatz von intelligenter Dienstleistungs-Technik und hybriden Produkten der Service technologisch in das materielle Produkt integriert werden kann. D.h. einfache Supportprobleme werden nicht mehr über den Umweg eines Service Centers, sondern unmittelbar auf den Devices gelöst (smart city und smart-home sind die Schlagworte für diese neue Service-Intelligenz im Internet der Dinge).

Crowd und click workers – virtuelle Teams
In den Unternehmen werden durch die digitale Transformation Aufgaben und Tätigkeitsbereiche wegfallen und verbleibende Tätigkeiten sich stark verändern. Teils werden zur geschäftlich sinnvollen Nutzung von Big Data neue Funktionen benötigt (z.B. Data Scientist), teils werden Prozesse und Tätigkeiten standardisiert, damit sie von IT-Anwendungen und in Shared Service Centers erbracht und near-shore oder off-shore outgesourced werden können.

Veränderung und Erneuerung der Mitarbeiter-Skills und eine Verjüngung der Belegschaft zur Aufstockung mit Digital Natives werden bei der Nutzung von Big Data ebenso ein Thema sein wie der bei einer erfolgreichen digitalen Transformation festzustellende Einsatz von virtuellen Teams, auch unter Einbindung von über das Internet rekrutierten crowd oder click workers. In der US-amerikanischen IT-Branche geben manche Unternehmen an, dass sie alle 3 Jahre einen kompletten Austausch der Mitarbeiter vornehmen, um technologisch und innovativ an der Spitze zu bleiben.

Mitbestimmung des Betriebsrats
Wenn Unternehmen den Weg der digitalen Transformation beschreiten und dabei die oben als Erfolgsfaktoren beschriebenen Konzepte beim Mitarbeitereinsatz zu verwirklichen suchen, müssen sie eine Vielzahl arbeitsrechtlicher Themen in den Griff bekommen. Dabei steht im Vordergrund die Modernisierung von flexiblen Arbeitszeitsystemen sowie die Einführung von IT-basierten Systemen zur Leistungsmessung und zur Leistungsbeurteilung, von allgemeinen Managementinformationssystemen und von Arbeitssteuerungs- und Arbeitsallokationssystemen. Notwendig ist auch der Ausbau von E-Learning-Tools. Nicht zuletzt muss ein skill enhancement und eine Verjüngung und Erneuerung der Belegschaft außerhalb der üblichen Abbauszenarien stattfinden, was besondere Restrukturierungsinstrumente erfordert.

Alle genannten Themen sind in Unternehmen mit einem Betriebsrat mitbestimmungspflichtig, teils –wie das Thema Arbeitszeit und Restrukturierungen– wegen einer spezifischen Mitbestimmungsvorschrift, teils –wie bei IT-basierten Managementsystemen- weil der Einsatz jeglicher IT-Anwendungen mit Potential zur Mitarbeiterkontrolle der Mitbestimmung unterliegt und einer vorherigen Zustimmung des Betriebsrats bedarf. Mitbestimmung muss kein Hindernis für eine die unternehmerischen Ziele verwirklichende digitale Transformation sein, wenn sie rechtzeitig aktiv und strategisch angegangen wird.

Fazit

Wie erfolgreich ein Unternehmen bei der Nutzung von Big Data und der Verwirklichung der digitalen Transformation sein wird, wird in Unternehmen mit einem Betriebsrat nicht nur davon abhängen, ob das Unternehmen rasch auf die oben beschriebenen gewandelten Kundenbedürfnisse reagiert und zeitnah ein unternehmensspezifisches Konzept für die sinnvolle Nutzung von Big Data und die unternehmensspezifische digitale Transformation entwickelt. Weil die Umsetzung eines umfassenden Digitalisierungskonzepts der Mitbestimmung des Betriebsrats unterliegt, wird ein entscheidender Erfolgsfaktor sein, dass das Unternehmen die notwendige Betriebsratsmitbestimmung im Blick hat, tragfähige Konzepte erarbeitet, diese zügig mit dem Betriebsrat verhandelt und dabei Strategien entwickelt, wie die Verhandlungen zeitnah abgeschlossen werden können, ohne dass die zur Nutzung von Big Data und für das unternehmerische Konzept der digitalen Transformation erforderlichen IT-Funktionalitäten verwässert werden.